Wohnungsnotstand in der Schweiz und in Zürich
Einleitung
Forschende von SPUR haben neue Auswertungen vorgenommen. Diese basieren auf anonymisierten und verknüpften Datensätzen zu allen Gebäuden und Personen im Kanton Zürich, bereitgestellt vom Bundesamt für Statistik. Zudem gibt es neue Auswertungen einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage von 2023 für die 162 statistischen Städte der Schweiz (3338 Personen).
Die vorgenommenen Analysen können zum ersten Mal konkrete und grossflächige Verdrängungs- und Aufwertungsprozesse aufzeigen, die in Planungskreisen oftmals vermutet wurden.
Zusammenfassung der Ergebnisse
Neue Wohnungen durch Innenentwicklung zu schaffen, ist notwendig, um unbebaute Landschaften
zu schützen, CO2 Emissionen durch Mobilität und Energie zu senken sowie mehr Wohnraum
bereitzustellen. Aber neuste Auswertungen zeigen, dass…
…neue Wohnungen hauptsächlich durch Ersatzneubauten geschaffen werden:
- 6.5x mehr Ersatzneubauten als das ökologischere Anbauen/Aufstocken
…neue Wohnungen zu direkten Verdrängungen von vulnerablen Personengruppen führen:
- Verdrängte Haushalte verdienen monatlich 4’800 CHF weniger als der durchschnittliche Haushalt
- Haushalte nach einer Renovationen haben ein monatlich 3623 CHF höheres Haushaltseinkommen als Vormieter:innen
- Ausländische Bevölkerung und alleinerziehende Eltern sind überdurchschnittlich oft von direkter Verdrängung betroffen
- Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse finden rund um Bahnhöfe statt
- Verdrängte Personen ziehen mehrheitlich weg vom Zentrum nach Zürich Nord (Kreis 11 und 12), in den Norden von Zürich (z.B. Regensdorf, Bülach), in den Westen von Zürich (z.B. Schlieren, Dietikon) oder in den Süden von Zürich (Adliswil)
… bauliche Verdichtung eher akzeptiert wird, wenn es ökologische und soziale Begleitmassnahmen gibt.
Diese extremen Effekte, die sich insbesondere auf die Verdrängung von einkommensschwachen Personen auswirken, deuten an, dass Innenentwicklung mehr soziale und ökologische Massnahmen braucht und dass die Bevölkerung diesen Massnahmen positiv gegenüber eingestellt ist. Jedoch ist «bauen, bauen, bauen» im Moment das ausgerufene Gebot der Stunde, um dem aktuellen Wohnungsnotstand zu begegnen. Die Zahlen der Auswertungen sprechen sich nicht dagegen aus, mehr Wohnraum bereitzustellen. Der Angebotsausbau sollte jedoch von sozial und ökologisch regulativen Massnahmen begleitet werden. Dieser sollte vulnerable Gruppen besser unterstützen und durch das Mietrecht schützen. Dazu sollte der Abriss von altem Wohnungsbestand sehr gut geprüft und Renovierungen in Etappen vorgenommen werden, so dass die aktuellen Bewohner:innen bei Bedarf wieder in ihre Wohnungen zurückzukehren können. Auch eine aktive Bodenpolitik von Städten und Gemeinden sowie eine höhere Priorisierung des gemeinnützigen Wohnungsbaus würden helfen, kostengünstigen Wohnraum an zentralen Stellen zur Verfügung zu stellen.
Publikationen und Links
Kaufmann, David, Elena Lutz, Fiona Kauer, Malte Wehr, und Michael Wicki. 2023. Erkenntnisse zum aktuellen Wohnungsnotstand:
Bautätigkeit, Verdrängung und Akzeptanz. Bericht ETH Zürich. DOI: 10.3929/ethz b 000603229
Kaufmann, David, Elena Lutz, Fiona Kauer. 2023. Mehr Wohnraum für Alle? Zonenplanänderungen, Bauaktivität, und Mietpreise im Kanton Zürich von 1996-2020. Report ETH Zürich. DOI: 10.3929/ethz-b-000603242
Kaufmann, David 2023. Neubauten verdrängen vulnerable Personen. Zukunftsblog ETH Zürich.
Mitarbeitende
Principal Investigator
Stellvertretender Leiter Inst. f. Raum- und Landschaftsentw. / Leiter Netzwerk Stadt u. Landschaft ARCH u BAUG
Raumentwicklung und Stadtpolitik
Stefano-Franscini-Platz 5
8093
Zürich
Schweiz
Researcher
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